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Die Lochkarte

Eine Lochkarte ist ein stabiler Karton, auf dem Daten und Programmbefehle als eingestanzte Löcher stehen: Loch oder kein Loch, mehr Zeichenvorrat braucht eine Maschine nicht. Von den 1920er Jahren bis weit in die 1970er war dieser Karton das, was heute eine Datei ist — und die Vorderseite dieser Visitenkarte ist eine.

Aufbau

Die klassische Lochkarte von IBM misst 187 auf 83 Millimeter und hat genau 80 Spalten und 12 Zeilen. Die abgeschnittene Ecke ist kein Zierrat, sondern eine Prüfhilfe: Liegt eine Karte im Stapel verkehrt herum, fällt das sofort auf.

Kodierung

Jede Spalte steht für genau ein Zeichen. Die zwölf Zeilen heißen von oben nach unten 12, 11, 0 und 1 bis 9; die oberen beiden nennt man Zonenzeilen. Eine Ziffer ist ein einzelnes Loch in der entsprechenden Zeile. Ein Buchstabe braucht zwei Löcher: eine Zone und eine Ziffer. A bis I sind Zone 12 mit 1 bis 9, J bis R sind Zone 11 mit 1 bis 9, S bis Z sind Zone 0 mit 2 bis 9. Satzzeichen bekommen drei Löcher. Diese Zuordnung ist der Code der IBM 029, des verbreitetsten Kartenstanzers — und derselbe, den die Karte auf der Startseite beim Tippen benutzt.

Oben der Klartext, darunter dieselben Zeichen als Löcher — Zeilen 12, 11, 0, 1 bis 9.

Abtastung

Ein Kartenleser tastete die Karten mechanisch über Metallstifte oder optisch über Lichtschranken ab. Fiel Licht durch ein Loch, oder berührte ein Stift die Kontaktwalze, registrierte die Maschine an dieser Stelle eine Eins, sonst eine Null. Schnelle Leser schafften an die tausend Karten pro Minute.

Programmieren mit Karten

Eine Zeile Quelltext, etwa in FORTRAN oder COBOL, entsprach exakt einer Karte. Der Programmierer tippte den Befehl in einen Lochkartenstanzer, eine schrankgroße Maschine mit Tastatur; sie stanzte die Löcher und druckte den Befehl zusätzlich lesbar auf den oberen Rand. Ein ganzes Programm war damit ein geordneter Stapel aus Hunderten oder Tausenden Karten.

Die Reihenfolge war lebenswichtig. Ein fallen gelassener Stapel bedeutete Stunden Sortierarbeit, deshalb ließ man die Karten am Rand durchnummerieren oder zog mit einem Filzstift eine schräge Linie über die Oberkante — verrutschte eine Karte, sah man es an der unterbrochenen Linie.

Stapelbetrieb

Fertig gestanzt gab man den Stapel beim Operator des Rechenzentrums ab. Die Maschine las ihn in Sekunden ein, der Großrechner führte das Programm aus und druckte das Ergebnis auf Endlospapier. Entdeckte der Übersetzer einen Tippfehler, musste man die betroffene Karte im Stapel suchen, am Stanzer neu erstellen und austauschen — und auf den nächsten Durchlauf warten, oft bis zum nächsten Tag. Wer so programmiert hat, hat seinen Code gelesen, bevor er ihn abgab.

Nachwirkungen

Die achtzig Spalten sind geblieben: Dass Terminals achtzig Zeichen breit sind und viele Stilvorgaben bis heute achtzig Zeichen pro Zeile empfehlen, geht auf diese Karte zurück. Und der Rest der Karte — die Stanzabfälle, die beim Lochen anfielen — hieß im Englischen chad; dasselbe Wort, das im Jahr 2000 bei der Auszählung der US-Präsidentschaftswahl in Florida Geschichte machte. Auf der Startseite fallen sie hinter der Karte herunter.